"Eisernte" war keine leichte Arbeit

Das Bier wurde mit Natureis frisch gehalten - Der Stöttner-Weiher war ideal

Tagelange Minustemperaturen und zuweilen strahlend blauer Himmel. Für die Schlittschuhläufer und das Eisstockschießen herrschen seit geraumer Zeit geradezu ideale Bedingungen. Auf dem Stöttner-Weiher vor dem Brünnlfriedhof tummelten sich am letzten Sonntag über 20 Eisstockfans. Vornehmlich der jüngeren Generation dürfte kaum mehr bewusst sein, dass dieser Weiher in früheren Jahren eine ganz andere Funktion hatte. Er diente nämlich der Gewinnung von Eis zur Kühlung der Biervorräte.


Der Stöttner-Weiher, diesmal ausnahmsweise nicht mit Eisschützen bevölkert, da an einem Wochentag fotografiert, lieferte früher das Eis für die Pfaffenberger Brauerei.

Was wäre ein heißer Sommer ohne eine kühle Maß des edlen Gerstensaftes im Biergarten? Früher mussten die Brauer beziehungsweise deren Hilfskräfte im Winter hart arbeiten, um auch im Sommer bestes frisches Bier anbieten zu können. Die Brauereien hielten ihre Bierkeller mit Natureis bis zum Sommer und darüber hinaus kühl.

Karl Stöttner erinnert sich: "Bis 1969 haben wir das Eis aus unserem Weiher geholt, und zwar alle drei Tage immer wieder neues. Neben der Straße nach Kleinzaitzkofen hatten wir früher noch einen zusätzlichen kleineren Weiher, der jedoch längst verfüllt wurde." Hatte es einmal vier bis fünf Tage zusammenhängend um die 20 Grad minus, dann besorgte man sich das Natureis in der Laber, sagte der Brauereibesitzer, der sich an diese Zeit noch gut erinnern kann. Auch die Metzgereien oder manche Privatleute besorgten sich an der Laber ihr Eis. Jeder "bediente sich dabei an einem bestimmten Abschnitt der "Lowan", wie sie im Volksmund noch heute heißt.

Natürlich waren die Eisstockschützen nicht begeistert, wenn wir ihnen beim Weiher alle drei Tage ihre Eisfläche 'wieder "wegnahmen", meint Stöttner rückblickend. Dies war jedoch unerlässlich, denn Bier kann nur bei einer Temperatur von etwa sieben bis acht Grad längere Zeit ' gelagert werden. Wollten die Brauer also nicht zusehen, wie viele Hektoliter kostbaren Bieres im Sommer verdarben, mussten sie im Winter landauf, landab möglichst große Eisvorräte anlegen. Wir waren erst dann erleichtert, wenn im Januar die Eiskeller randvoll waren, so Karl Stöttner. Auch der Brauer- und Mälzerkalender von 1880 mahnte die Leser im Januar: "Mit Eis stopf' Deine Keller voll, wenn dir dein Bier gelingen soll! "

Eine Kraft raubende Arbeit.

Wie Karl Stöttner sagte, waren für die "Eisernte" immer viele Hilfskräfte notwendig. Oftmals waren es Maurer oder Landwirte, welche sich im strengen Winter ein Zubrot verdienten und mit Feuereifer bei der Sache waren. Trotz der Minusgrade, so Stöttner, schmeckte diesen Männern eine kühle "Halbe". Wie brachte man letztlich dieses so kostbare Eis in die Keller der Brauerei? Zunächst, so Stöttner, schlug man mit einer Axt ein Loch in die Eisfläche. Mit einer speziellen Eissäge schnitt man dann quadratische Blöcke etwa in der Größe von zwei mal zwei Meter.
Diese wurden anschließend von den kräftigen Männern mit den Eiszangen an Land gezogen. Dort wurden sie schließlich aneinandergeschlichtet und dann zerkleinert. Mit den landwirtschaftlichen Anhängern wurde dieses zerkleinerte Eis schließlich zur Brauerei gefahren. Ungefähr 250 Fuhren pro Winter waren ganz normal, erinnerte sich Karl Stöttner. Die Eisbrocken kamen in den Eiskeller und wurden dann mit einem speziellen Holzschlegel wieder zerkleinert. Damit sich möglichst wenig Luftschichten bildeten, wurde anschließend das gewonnene Eis mit Wasser übersprüht, so dass alles zu einem riesigen Eisklumpen gefror.

Der Eiskeller war am Boden und an der Decke mittels Luftschächten mit dem Bierkeller verbunden. So verbreitete sich die Kälte und sorgte dafür, dass das Bier winters wie sommers bei gleich bleibender Temperatur kühl gehalten werden konnte. Wir hatten das Glück, dass unsere Lagerkeller gut mit Kork isoliert waren und wir dieses Eis ungefähr bis Weihnachten problemlos lagern konnten, stellte Stöttner des Weiteren fest. So war es auch möglich, dass man während des Sommers die Wirte von Pfaffenberg und Umgebung mit Eis beliefern konnte. Kühlschränke zur Lagerung des Gerstensaftes gab es damals ja noch nicht.


Karl Stöttner, zusammen mit Braumeister Ralf Arnold und den Eiszangen von früher. Links ist die Eissäge zu erkennen, daneben der Holzschlegel zum Zerkleinern.

"Eisernte" 2001 an Laber"

Bei soviel, nostalgischer Erinnerung wollte der Verfasser dieses Berichtes zu gern wissen, wie diese "Eisarbeit" in der Praxis aussah. Karl Stöttner hat noch heute alle Utensilien aus diesen längst vergangenen Zeiten. Mit Eissäge und Eiszangen "bewaffnet" rückte man daher am Freitagnachmittag beim Altwasser der Kleinen Laber neben der Marktmühle an. Zusammen mit Brauer Bernhard Lehner "drehte" man - den Kalender einfach um 50 Jahre zurück und versuchte sich in der "Eisernte" anno 1951".


Regelrecht ins Schwitzen kamen Karl Stöttner und Bernhard Lehner beim Ziehen des soeben aus der Laber herausgeschnittenen zentnerschweren Eisblocks.

Fachmännisch schnitt man gemeinsam eine zwanzig Zentimeter dicke und zwei Quadratmeter große Eisplatte heraus und zog sie mit den langen Zangen an Land. Dass dies keine leichte Arbeit war, das wurde auch dem Berichterstatter nach seiner fünfminütigen "Mithilfe" ganz schnell klar. Fast zwei Zentner wog dieser Klotz, den Karl Stöttner und Bernhard Lehner schließlich mit vereinten Kräften herausgezogen hatten. Auch "Nachbar" Hermann Rehm freute sich über diese Demonstration uralter Technik.

Findige Brauer

Mancherorts, vornehmlich in den Städten, wo es die Dorfweiher nicht gab, entwickelten die Brauereibesitzer früher eine ebenso einfache, wie wirkungsvolle Methode, um direkt über ihren Lagerkellern Eis selbst zu produzieren. Sie bauten ein Balkengerüst, auch "Eisgalgen" genannt. Dieses Gerüst war etwa fünf Meter hoch und acht bis zehn Meter lang und es wurden Holzstämme darauf gelegt. Sank die Temperatur auf mindestens drei Grad unter Null, wurden die Baumstämme über Wasserleitungen berieselt. An den Stämmen bildeten sich dann stetig wachsende Eiszapfen, die bei anhaltend kaltem Wetter über drei Meter lang wurden. Meist stand dieser "Eisgalgen" direkt über den unterirdischen Lagerräumen. Wenn die dicken Eiszapfen dicht an dicht hingen, schlugen sie die Brauereimitarbeiter mit einer Axt ab. Die Eiszapfen fielen dann durch eine Luke direkt in den Keller.

Neue Erfindung

Unmengen von Eis in die Brauereien zu schaffen, war, wie eingangs erwähnt, eine mühsame und zeitraubende Arbeit. Nach einem milden Winter reichten bei so mancher Brauerei in der Stadt die Eisvorräte nicht aus, das Bier bis zum Hochsommer zu kühlen. Daher waren Brauer in aller Welt sehr davon angetan, als sich vor rund 130 Jahren eine Erfindung von Professor Carl von Linde herumsprach. Dieser forschte an einem Versuchsprojekt zur Erzeugung künstlicher Kälte. Eine Brauerei in der Landeshauptstadt stellte ihm die entsprechenden Räumlichkeiten zur Verfügung und 1873 lieferte von Linde die erste Kältemaschine. Im Laufe der Jahrzehnte wurde die Kältetechnik immer weiter optimiert. Die "Eisernte" von Anno dazumal ist daher nur mehr Nostalgie.

Alois Lederer in der Laberzeitung am 19. Januar 2002