Labertaler Igeleien - Nov 2004


 

Seit 1840 erinnern in Bayern Sterbebilder an die Verstorbenen
- Sissis Sterbebild ein seltenes Exemplar –

Das Tabuthema Tod spielt besonders im grauen November eine besondere Rolle. Man erinnert sich der lieben Verstorbenen und gedenkt ihrer in ganz besonderer Weise.

Ein Zeugnis gegen das Vergessen eines Menschen sind seit vielen Jahren die Sterbebilder. Ich habe mich mit dem Thema auseinandergesetzt, nicht zuletzt deshalb, weil mir meine Tante Resie Schamburek aus Mallersdorf eine besondere Rarität leihweise überlassen hat. Sie hat ein Original des Sterbebildes der Kaiserin Elisabeth von Österreich, welche unter dem „Kürzel“ Sissi bestimmt jedem ein Begriff ist. Das Bild hat meine Tante  von ihrer Urgroßmutter Anna Schamburek, einer geborenen Radl. Diese war in Wien in einem Haushalt tätig und war übrigens auch bei der Beerdigung von Sissi. Kaiserin Sissi starb am 10. 9. 1898 in Genf und in der österreichischen Landeshauptstadt Wien gedenkt man ihr derzeit auch in Form einer Ausstellung.

 
 Eine Kopie des Sterbebildes der unvergessenen Sissi

Der Brauch, beim Ableben eines Angehörigen besondere Sterbebilder zu drucken, die den Hinterbliebenen und Freunden des Verstorbenen als Erinnerung dienen sollen an das letzte Geleit, das man diesem erwiesen hat, geht schon einige Jahrzehnte zurück. Die frühesten Auflagen stammen aus Holland, aus der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts.

Im 19. Jahrhundert verbreitete sich der Brauch über das gesamte katholische Europa und erreichte 1840 Bayern. Bis 1860 wurden gewöhnliche Heiligen- oder Andachtsbildchen, gelegentlich solche mit gestanztem Spitzenrand, auf der Rückseite mit dem Namen und sonstigen Angaben zur Person des Verstorbenen bedruckt. Erst danach setzte die Produktion spezieller Sterbebilder mit schwarzem, oftmals aber auch silbernem Trauerrand ein.

Hauptthema war früher auf den Sterbebildern die Passion Christi. Szenen der Todesangst auf dem Ölberg ,über den Kreuzweg und den Kreuzestod selbst bis zur Auferstehung waren die Regel.

Häufig dargestellt findet sich in diesem Themenkreis Maria als schmerzensreiche Muttergottes. Daneben gab es Bilder, welche die Heilige Familie in ihrer werktäglichen Beschäftigung zeigten.

Eine große Rolle, vor allem bei verstorbenen Kindern, spielten Schutzengelbilder oder auch Darstellungen von Maria oder Christus als Spender von Trost und Zuversicht. Gerne wählte man Abbildungen der als wundertätig geltenden Marien- oder Heiligenfiguren bekannter Wallfahrtsorte in Bayern, vor allem der „Schwarzen Madonna“ von Altötting. Auch Auferweckungswunder wurden vereinzelt dargestellt.

Von etwa 1885 bis Ende des Ersten Weltkrieges war das ikonographische Angebot am breitesten gefächert. Es gab eine fast unüberschaubare Fülle symbolischer und allegorischer Darstellungen mit Grabkerzen, Gedenksteinen, Urnen und Säulen sowie Stilleben aus Kreuzen, Leidenswerkzeugen, Ankern, Kelchen, Herzen usw., welche die Verstorbenen in den Himmel geleiten.

Ab etwa 1875 wurden die Textseiten der Sterbebilder vielerorts mit Original-Fotografien versehen. Die Fotos mussten hierzu in Handarbeit ausgeschnitten und aufgeklebt werden. Der Brauch, den Verstorbenen selbst mit abzubilden, verbreitete sich ab 1885. In Bayern fasste diese Sitte nur sehr zögernd Fuß. Lediglich die Sterbebilder von Honoratioren oder anderen „hochstehenden“ Persönlichkeiten weisen hie und da ein Foto des Verstorbenen auf. Erst mit den Gefallenenbildchen des Ersten Weltkrieges wurde das Einrücken eines Fotos auch in Bayern üblich.

Neben der bildlichen Darstellung auf der Vorderseite war stets auch der ausgewählte Text auf der Rückseite des Sterbebildes von großer Bedeutung. Zwischen 1880 und 1950 waren die Sterbebilder sehr beredt. Der Betrachter erfährt vom Familien- und Gesellschaftsstand „ehrengeachteter“ Männer und Frauen und davon, ob sie verheiratet, verwitwet oder als „tugendsame Jünglinge oder Jungfrauen“ dahingeschieden waren. Schmunzeln muss man heutzutage, wenn von „ehrbaren Fräulein“ die Rede ist, welche unverheiratet selbst noch mit 80 oder 90 Jahren so bezeichnet wurden.

Bei den Begriffen „Hochwohlgeborene“ oder „Wohlgeboren“ kann man davon ausgehen, dass diese aus „besseren Kreisen“ stammten.

In der Landwirtschaft spielten Hof- und Flurnamen eine gewichtige Rolle. Es wurde genau festgehalten, ob die verstorbene Person Bäuerin, Austragsmutter, Bauernsohn oder der „Huberbauer“ war.

Das lange oder kurze Leiden wurden ebenfalls genannt. Bei Unglücksfällen ist auch deren Art bezeichnet worden, selbst vom Tod durch „Mörderhand“ ist zu lesen. Sorgfältig ist auch das genaue Alter des oder der Verstorbenen angeführt sowie der Empfang der Sterbesakramente. Vermerkt wurden früher auch Kriegsauszeichnungen und Mitgliedschaften im Dritten Orden. Auch die Berufsbezeichnung galt bis in die 50-er Jahre hinein als unerlässlich.

Vielfach wurden die Sterbebilder mit Sinnsprüchen – meist alte Gebetstexte, Bibel- oder Kirchenväterzitate – versehen. Häufig findet sich das lateinische „Requiescat In Pace“, oft auch abgekürzt zu „R.I.P.“ auf der Vorder- oder Rückseite des Sterbebildes. Manchmal wurde auch angegeben, wie viele Tage Ablass dem Verstorbenen durch bestimmte Gebete zugewandt werden können.

Technisch waren die Sterbebilder von etwa 1860 bis 1890 in Stahlstich oder Lithographie ausgeführt. Ab 1880 verlegte man sich zunehmend auf die Chromlithographie. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Kupfertiefdruck aufgenommen.

Heute ist de Druck nach Motiven alter Kunst üblich. Auch melancholische Landschaftsbilder findet man. Beliebt sind vor allen Dingen auch randlose Vierfarbendrucke.

Schön, dass der Brauch, beim Tod naher Angehöriger Sterbebilder drucken zu lassen, vor allem in Bayern heute noch lebendig ist. Ein ganz besonderes Exemplar verwahre ich seit Jahren zu Hause auf. Es ist dies das Sterbebild des früheren Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß, welches mir der frühere 1. Bürgermeister von Mallersdorf-Pfaffenberg, Hans Daffner, geschenkt hat. 

Alois Lederer